Plattenkritiken

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Die Goldenen Zitronen - Die Entstehung der Nacht | The Hanoise - Worlds Finest Species | Rowland S. Howard - Pop Crimes | The Mokicks - Neues aus der Anstalt | Smalltown Rockets - Shakin' The Demons Away With Our Hips

Die Goldenen Zitronen - Die Entstehung der Nacht (Buback Tonträger, 16.10.09) CD
Die goldenen Zitronen gehören definitiv zum Soundtrack meiner Jugend. Ihre frühen Fun-Punk-Platten versetzen mich noch heute zurück in meine Sturm- und Drangphase. Nach dem ich sie einige Jahre aus den Augen verloren hatte, kaufte ich mir Ende der 90er eine ihrer Spätwerke. Nach anfänglichem Fremdeln und Verwirrtheit über die Radikalität ihrer Entwicklung verfiel ich ihnen auf's Neue. Bis Heute! Inzwischen wurde alles nachgekauft und man freut sich immer immens auf Neuveröffentlichungen der linken Avantgardisten. Anders ist ihre Musik zwischenzeitlich nicht mehr zu betiteln. No Wave Attacken, Elektrogeblubber, Free-, Jazz- und Theatermusik ist bei ihnen möglich und vorhanden. Um die weitverzweigte und sehr interessante Geschichte der Goldenen Zitronen zu behandeln fehlt hier der Platz. Dazu kann man nur, die jüngst erschienene Doppel-DVD „Material“ empfehlen.
Nun ist es wieder soweit, eine neue Zitronenplatte steht ins Haus. „Die Entstehung der Nacht“ ist ein Rundumschlag zur Lage der Nation. Nach all den Jahren treten sie noch immer jedem vor's Schienbein. Textlich wieder von kryptisch bis unglaublich präzise beobachtet und ausgewertet. Schorsch Kameruns Stimme krächzt und scheppert als wäre er noch immer 18. Ted Gaier malträtiert wieder seine Gitarre mit Halbtonpirouetten auf das Übelste. Der Song „Lied der Medienpartner“ zündet wie eine Handgranate. Auch „Börsen Crashen“ hat heftige Wut im Bauch. Andererseits gibt es zwei Instrumentalstücke und eine Coverversion von Melanies Hippie-Ballade „Beautiful People“. Sehr nicoesk!!! Die Nummer „Wir verlassen die Erde“ hätte auch schon auf einer ihren frühen Fun-Punk-Platten sein können. Ansonsten ist die Scheibe wieder einmal randvoll mit Ideen, Verweisen und Zitaten. Allerdings fehlt mir diesmal solch eine Mördernummer wie „Mila“ oder „Flimmern“ ihrer letzten Platten. Dies sind vielleicht auch nur Befindlichkeiten welche noch im Wandel sind. Bei jedem Hördurchgang entdeckt man Neues.
(Daniel Schandlichkeit, 22.11.09)
The Hanoise - World's Finest Species (Eigenproduktion, 2009) CD
Wenn ich richtig informiert bin, ihre erste Langrille. Vorweg: „Das Cover ist wirklich gelungen“! Hat mich sofort angesprochen und neugierig gemacht. Toll, toll, toll.
Also CD rein und Play.
Der Sound drückt. Aber die erste Nummer hat schon Metallica Referenzen. Ich merke sofort, da kommen wir nicht zusammen.
Hier und da gibt's Punk Rock-Anleihen und Schweinerock wird auch mal gestreift.
Hier regiert der Gedanke "Wir rocken", was durchaus stellenweise gelingt. Textlich auch mit Humor, was einen weiteren Sympathiepunkt einbringt. Nur Innovation, Querlegen, Fordern sind hier Fremdworte. Nette Jungs mit Rockattitüde. Das geht klar wenn man's mag. Also Rock, Rock, Rock, Metal nein, Rock ja. Meinetwegen, manchmal hat man eben das Verlangen.
(Dan Shandoise, 22.11.09)
Smalltown Rockets - Shakin' The Demons Away With Our Hips (?, 2009) CD
Steh-Toms, das Plektrum über die Seiten gezogen, Eröffnungsakkord, Rock'n Roll Lick mit Chuck Berry Flair, nur verzerrter. Gesang setzt ein, die Band wird ruhiger. Die Gitarren spielen abgedämpfte Achtel.
Die Smalltown Rockets katapultieren den Hörer zurück in die 90er. Genauer gesagt, in die Jahre 97/98 wo die Backyard Babies und Hellacopters explodierten. AC/DC Riffs und Rootsrock gepaart mit Punkdrive und Rotz.
Auf dem Cover Sterne und die Silhouette einer Gogo-Tänzerin. Da fehlen nur noch Flammen, um das Klischee perfekt zu machen.
Nach dem dritten Lied meint man, breitbeinigen Männerschweiß in der Nase zu haben. Ich kriege Lust auf Bier.
Die Gitarren kniedeln sich immer wieder einen ab. Ja, ja, dass gute alte Gitarrensolo. Hoch soll es Leben. Die Smalltown Rockets sind wie Schnitzel mit Pommes. Da weiß man was man bekommt. Ach so, Texte wie, „Love my Car“, muss ja, kennt man ja, Hell yeah, Ripphemd, ole, ole.
(Dan Shan-Dog, 22.11.09)
Rowland S. Howard - Pop Crimes (Oktober 2009) CD
Mit Pop Crimes ist einer der letzten großen Schmerzensmänner zurück an der Front.
R.S. Howard, Kultfigur der Postpunk Bewegung der frühen 80er, Ex Gitarist von Nick Cave's "Birthday Party"und "Crime & the City Solution".
Seine letzte Solo Platte von '99 rangiert bei mir unter den Top 5 Alben aller Zeiten!
10 Jahre Auszeit, Funkstille! Bedingt durch Depression und damit einhergehende Lethargie. Drogenentzug, Scheidung - Worst Case Szenario.
In seinem Blog auf MySpace schreibt er: "The moment you thought would never arrive !"
Nun liegt sie vor. Die neue CD, bisher nur als Australien-Import erhältlich. 8 Songs. Davon 2 Covers. Bleiben 6 neue Eigenkompositionen. Magere Ausbeute mag man meinen. Doch diese Songs sind grandios! Allein "I know a girl called Jonny”, ein Duett mit Jonnine Standish, erinnert an Lee Hazelwoods Großtaten mit Nancy Sinatra.
Die Single "Pop Crimes" pumpt und kracht mit schrägen Gitarren. Howards Songs sind schleppend mit repitativen Drums, dazu monotoner, sonorer aber eindringlicher Gesang. Zerstörter Blues.
An den Drums und Orgel Mick Harvey, Ex-Mitstreiter aus "Birthday Party" Zeiten. Besser geht’s nicht!! Bleibt nur zu hoffen, dass man nicht noch mal 10 Jahre auf neues Material warten muss.
Pop Crimes wird im übrigen auch als Vinyl erscheinen.
(Daniel Schandock, 29.10.09)
The Mokicks - Neues Aus Der Anstalt (13.12.08) CD
Nachwievor, und heuer bereits mit ihrer vierten CD (drei davon sind hier besprochen), sind die Mokicks die wildeste und kontrollentrückteste Underground-Band der Gegend. Sie sind es immer gewesen, von dem Tag ihrer Geburt an.
Ein Haufen selbstverliebte Chaps wie auch selbstloser Heroen, deren Seelen genausotief im Fegefeuer hängen wie im Himmel. Nicht im Himmel der Christen natürlich, ihr Schlafkappen, ich spreche von unserem Himmel, vom Himmel der Robin Hoods des Undergrounds. Der Widerspruch in den Charakteren der Mokicks ist essentiell. Der westliche Künstler bezog aus dem inneren Konflinkt mit seinen Widersprüchen schon immer die treibende Urgewalt.
Über ihre CDs ranken sich mehr Gerüchte als Wahrheiten, denn kaum einer hat sie. Warum? Weil sie kaum welche in den Umlauf gebracht haben.
Erfolg? Steht nicht im Porfolio. Dafür schaffen sie es mit kalkuliertem Understatement, das ungefähr genauso frech daher kommt, wie die Zahnlücken des Drummers Junk, eine Legende, einen Kult zu erschaffen, der lange anhalten wird. Über die Mokicks spricht man, zumindest tun wir das, ich und meine Freunde, wie über tote Künstler.
Ihr Stil: Criminal Deficit Punk. Was für ein Etikett. Und so klingts auch. Sie sind mit "Neues aus der Anstalt" zu ihren Roots zurückgekehrt, zumindest was die Aufnahmemethode betrifft: Cassette. Hier stellt sich nur die Frage: C60, C90 oder C120. Wem das noch was sagt, der weiss, wie unterschiedlich die Dinger klangen und wie schnell sie verschlissen waren ... und wie oft die Dinger vom Kassettenrekorder gefressen wurden.
"Neues aus der Anstalt" ist Mokicks aus dem Lehrbuch: Verzerrt, verrückt, wüst, stereo (Drums links, der Rest rechts). Und ihren Teil der lange geplanten und nie realisierten Splitsingle mit den Stereo Satanics haben sie erfüllt, indem sie zwei deren Songs hier auf grandiose Weise durch den Wolf drehen.
Würde es heute noch die Killed By Death-Punksampler geben, die die besten unbekannten Punkbands aller Länder zu Ohren brachten, und damit dem Punk die eigentliche Seele erhielten, die Mokicks wären Stammband.
Balingen-Ostdorf. Später Freiburg, Hamburg, Berlin, Albstadt, Weingarten (um die Metropolen aufzuzählen, in denen sich Mokicks-Mitglieder niedergelassen hatten/haben). Die Mokicks sind so dorf wie sie welt sind. Quer, eigen, beschissen, doof, wertvoll, künstlerisch, gehasst, laut, lieb, unschlagbar. Chaps einfach.
Achso, neben den 15 regulären Songs gibts noch ne ganze Ladung weiterer Songs als Bonus. Teilweise dieselben die schon drauf sind als andere Versionen. Auf meine Nachfrage, worum es sich hierbei genau dreht kam die lapidare Äusserung "B-Seiten, Raritäten, Alternativversionen, alte, noch nicht veröffentliche Aufnahmen, betrunkenes Gestotter". Na so genau wollte ich's auch nicht wissen ...
(Ralf, 13.8.09)
Auf Platte kommt die Seele zwar nicht so besessen rüber wie live, deswegen dachte ich an drei Soulpoints, doch das irrwitzige Cover reissts wieder raus.

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